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Am 27. Oktober ist Welttag der Ergotherapie – Ein Beitrag der ERG1A22

Was ist Ergotherapie?

Ergotherapeut*innen behandeln Menschen, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind. Gemeinsam mit ihren Klient*innen überlegen sie, was diese brauchen, damit sie so selbstständig wie möglich ihren Alltag bestreiten können, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und persönliche Interessen verfolgen können. Jede*r Klient*in braucht dabei etwas anderes. So bleibt die Arbeit von Ergotherapeut*innen sehr vielseitig.

Das Motto des diesjährigen Welttages der Ergotherapie „Möglichkeiten + Chancen = Gerechtigkeit“ findet sich beispielsweise in dem ergotherapeutischen Verständnis von Betätigungsgerechtigkeit wieder. Menschen können aus verschiedenen Gründen von Betätigung ausgeschlossen werden und damit Betätigungsungerechtigkeit erfahren. Die Gemeinwesenorientierte Ergotherapie beschäftigt sich auf gesellschaftlicher Ebene mit Menschen, die von Betätigungsungerechtigkeit betroffen sind.

Beispiele für Betätigungsungerechtigkeit:

  • Lernschwierigkeiten können zu hohem Druck und zu wenig Zeit für persönliche Interessen (für sie sinnvolle Betätigungen) führen.
  • Durch Flucht- und Migrationserfahrungen kann in der für sie neuen Umwelt auf viele Barrieren gestoßen werden.

Betätigungsgerechtigkeit

Betätigungsgerechtigkeit („Occupational Justice“) zeichnet sich durch eine Gesellschaft aus, in der Menschen das tun können, was ihnen wichtig ist, also an bedeutsamen Betätigungen teilhaben zu können. Häufig ist dies jedoch aufgrund von mangelnden Angeboten, Ressourcen und Wahlmöglichkeiten nicht möglich. An diesem Punkt setzt nun Betätigungsgerechtigkeit an, denn jeder Mensch hat das Recht auf Betätigungen. Dieses Recht auf sinngebende Handlungen hängt mit gesundheitlicher Chancengleichheit zusammen, sodass diese einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben. Des Weiteren begünstigt sie die Erfahrungen von Sinnen, Teilhabe, Wahlmöglichkeiten und Betätigungsgleichgewicht. Aufgrund der gesundheitlichen Bedeutung sehen sich Menschen in Gesundheits- und Sozialberufen in der moralischen Verantwortung, sich für die Betätigungsgerechtigkeit stark zu machen, wozu sich auch die Ergotherapie zählt. Zusammenfassend verfolgt die beschriebene Betätigungsgerechtigkeit das Ziel, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr individuelles Betätigungspotenzial entfalten, sich wohlzufühlen und teilhaben zu können.

Um das Problem der Betätigungsungerechtigkeit zu visualisieren, lassen sich die folgenden Beispiele anführen:

  • Nachdem Paula durch einen Unfall mit gebrochenem Bein nicht mehr an ihrem wöchentlichen Tanzkurs teilnehmen kann, kommt es hier zu einer Betätigungsunterbrechung. Diese führt auf Dauer zu einer Lebensunzufriedenheit.
  • Zu einer Betätigungsausgrenzung kommt es, wenn Johann aufgrund seiner bestehenden Ehe nicht seinem Wunsch einer beruflichen Neuorientierung zum katholischen Pfarrer nachgehen kann (Kranz, 2018).

Gemeinwesenorientierte Ergotherapie

Die Gemeinwesenorientierte Ergotherapie beschäftigt sich mit Betätigungsgerechtigkeit in der Gesellschaft. Sie verfolgt das Ziel, in kooperativen Maßnahmen die Gesundheit der Gesellschaft zu fördern und im Sinne der Inklusion allen Menschen, unabhängig von Aussehen, Sprache, Herkunft, sozialem Status u.ä., sinnvolle Betätigungen zu ermöglichen. Meistens handelt es sich hier um interdisziplinäre Projekte, an denen Themen aus dem Gesundheits- (Medizin- und Therapieberufe) und Sozialbereich (z.B. Soziale Arbeit) ganzheitlich und interdisziplinär betrachtet werden. Ergotherapeut*innen sind hier besonders wichtig, da sie aufgrund der Klienten- und Betätigungszentrierung und ihrem ganzheitlichen Blick auf den Menschen als Brückenbauer an der Schnittstelle zwischen Gesundheits- und Soziaspekten die verschiedenen Perspektiven zusammenbringen können.

Ziel der Projekte ist es, die beteiligten Menschen zu befähigen, die Probleme in ihrer Gesellschaft selbst zu identifizieren und eigene Lösungen dafür zu finden. Ergotherapeut*innen berufen sich dabei darauf, dass sinnvolle Betätigung wichtig für das Wohlbefinden und die Gesundheit ist. Durch den kooperativen Ansatz findet in der Gemeinwesenorientierten Ergotherapie Gesundheitsförderung durch Inklusion statt (DVE 2015, sowie WFOT 2019).

Als Reaktion auf die internationale Flüchtlingskrise 2015 wurden in verschiedenen Modellprojekten bereits umfangreiche Ressourcen (z.B. in Form von Handbüchern) erstellt, die für die Entwicklung und Umsetzung eigener Ideen im Rahmen der Gemeinwesenorientierten Ergotherapie hilfreich sein können. Darunter ist auch ein Projekt, an dem die Hildesheimer HAWK beteiligt ist:

PREP IP (Persons with Refugee Experience Education Project – Interprofessional)

Die Kompetenzerweiterung von Logopäd*innen, Ergo- und Physiotherapeut*innen ist das Ziel des internationalen Projekts PREP IP, an dem auch die Hildesheimer HAWK teilnimmt. Im Rahmen des Projekts soll ein offen zugänglicher Onlinekurs sowie frei zugängliche Bildungsressourcen entwickelt werden, die Therapeut*innen dabei unterstützen sollen, auch Menschen mit Fluchterfahrung eine inklusive, gesundheitsgerechte und umfassende Versorgung zu bieten. Das Projekt läuft noch bis Ende Oktober 2024 (HAWK 2022).

Mehr erfahren? [Mit Klick auf die Links öffnet sich eine externe Seite.]

  • Hier kommen Sie zum YouTube-Video der ERG1A22.
  • Hier gibt es den Instagram-Beitrag zum Weltergotherapietag.

Ressourcen aus anderen Modellprojekten [Mit Klick auf die Links öffnet sich eine externe Seite.]

WFOT Handbuch

WFOT (2019b). Resource Manual: Ocupational Therapy for Displaced Persons. Über:  https://www.wfot.org/resources/wfot-resource-manual-occupational-therapy-for-displaced-persons, zuletzt aufgerufen am 07.10.2022. WFOT: wfot.org.

InterAct Handbuch

Adamopoulou Eirini, u.a. (2020): Interdisziplinäre Kooperation in der psychosozialen Unterstützung am Beispiel Geflüchteter. Handbuch für Praktiker*innen. Über: http://interact-erasmus.eu/handbook-for-practitioners/#page-content, zuletzt aufgerufen am: 10.10.2017

Quellen [Mit Klick auf die Links öffnet sich eine externe Seite.]

DVE (2015): Gemeinwesenorientierte Ergotherapie – Möglichkeiten der praktischen Umsetzung. Karlsbad: DVE.

HAWK (2022): First PREP IP Forum. Über: https://www.hawk.de/de/hochschule/fakultaeten-und-standorte/fakultaet-soziale-arbeit-und-gesundheit/profil-aktuelles/prep-ip-auftaktveranstaltung, zuletzt aufgerufen am: 07.10.2022. HAWK: Hildesheim.

Kohlhuber M., Romein E., Aichhorn C. (2020). Betätigung. In: Kohlhuber M., Aichhorn C., Dehnhardt B. (Hrsg.). Ergotherapie – betätigungszentriert in Ausbildung und Praxis. Stuttgart: Thieme, S. 38-54.

Romein E. (2020). Klientenzentrierung. In: Ergotherapie – betätigungszentriert in Ausbildung und Praxis. Stuttgart. Thieme, S. 58-67.

Kranz F. (2018). Recht auf Betätigung. In: Ergopraxis. Ergotherapie für Alltagskönner, 11 (2), S. 10-11. Stuttgart: Thieme.

WFOT (2019). Ergotherapie und gemeinwesenorientierte Praxis. Positionserklärung. Über: https://www.wfot.org/resources/occupational-therapy-and-community-centred-practice, zuletzt aufgerufen am 07.10.2022. WFOT: wfot.org.

Weitere Literatur zur individuellen Vertiefung:

Kronenberg F., Algado S., Pollard N., (2005). Occupational Therapy without borders. Learning from the spirit of survivors. Elsevier: Edinburgh u.a.

Kronenberg F., Pollard N., Sakellariou D. (2011). Occupational Therapies without borders. Volume 2. Towards an ecology of occupation-based practices. Elsevier: Edinburgh u.a.

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31137 Hildesheim

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